Das Märchen vom Ritter Kunibert, der eine Website wollte

Es war einmal ein Ritter, der wollte eine Website. Der Ritter war von gutem Ansehen und stets in Auftrag, doch er hatte große Ziele und wollte weit über das Land hinaus bekannt werden und hundertmal mehr Goldstücke verdienen als er es jetzt tat. So sattelte der Ritter sein treues Pferd und ritt durchs Land und suchte einen Schreiber. Denn wenngleich der Gebrauch des Schwertes und der Kraft seiner Weitsicht ihm wohl im Blute steckten, so war er dem Schreiben nicht geneigt.


Eines Tages fand er eine Website, die strahlte so hell und weit, dass er dem Schein folgte, bis er vor den Toren einer Schreiberin stand und um Einlass klopfte. Eine bucklige Alte kam in die Tür und winkte ihn ein. Der Ritter nahm Platz an einer reich gedeckten Tafel und während er aß und trank, erklärte er der Alten sein Begehr.

 

Die Alte sagte daraufhin: "Edler Ritter, euer Plan ist mein täglich Brot. Ich will euch gerne helfen. Wie lange Zeit gebt ihr mir?"

"Einen Monat", antwortete der Ritter.

Da sagte die Alte: "Gut, schildert mir noch heute euer Geschäftsmodell und das Marketingkonzept, jeweils in zehn Sätzen, und vergesst dabei nicht die Keywords. Dann übergebt mir euren Unternehmensnamen, den Slogan, das Logo, die Vorgaben eures Corporate Design sowie die Regeln eures bestehenden Kommunikationskonzepts. So werde ich noch heute mit der Arbeit beginnnen und ihr könnt in einem Monat eure Website aufschließen."

Nun schluckte der Ritter schwer. Doch er wäre kein erfolgreicher Ritter, wüsste er nicht jeder Überraschung zu begegnen. So wischte seine große Hand alle Zweifel kraftvoll beiseite und er erklärte lachend: "Das alles braucht ihr bei mir nicht. Macht es einfach ohne."


Da runzelte die alte Schreiberin die Stirn und hob zu einer Rede an: "Verehrter Ritter, ich will die Kraft und Strahlung eurer Persönlichkeit nicht bezweifeln, doch es geht hier um eine Website und nun bedenkt bitte Folgendes, bevor ihr den nächsten Bissen nehmt: Seht mich an, ich bin alt und bucklig, doch ihr seid zu mir gekommen, weil ihr den Schein meiner Website weit über das Tal und über viele Berge habt strahlen sehen. Geritten seid ihr viele Tage und seid, ohne dass ihr es bemerktet, an vielen anderen Websites vorbeigeritten, die grau und dunkel eure Aufmerksamkeit nicht zu erreichen vermochten. Nun sagt mir: Was wollt ihr? Eine Website der Art, der ihr gefolgt seid, oder eine Website der Art, die ihr am Wegesrand liegen ließt?"

Der Ritter lachte donnernd und sagte: "Da muss ich nicht denken: Die Website, die mich über Täler und Berge folgen ließ, die will ich!"

Da antwortete die Alte: "So werden wir denn mehr Zeit benötigen, denn was ihr glaubtet, nicht zu brauchen, ist dafür unverzichtbar."

"Wie lange?", fragte der Ritter.

"Gebt mir ein halbes Jahr. Und seid während dessen nicht zu beschäftigt, ich werde euch brauchen", antwortete die Alte.


"So soll es sein", verkündete der Ritter. "Lasst uns heute schon beginnen. Was müsst ihr wissen?"

Die alte Schreiberin sagte: "Beginnen wir mit eurem Marketing. Fürs Erste erklärt mir eure Zielgruppe und wofür ihr euch bezahlen lasst."

Da schlug sich der Ritter stolz auf die stählerne Brust und verkündete: "Das ist einfach: Mein Ziel ist es, die Dame in Not aus der Bedrängnis zu retten. Sei es sie aus dem Turm zu befreien oder den bösen Drachen zu töten!"

"So?", fragte die Alte, "Und wie erteilt die Dame in Not euch den Auftrag? Per Brieftaube?"

Der Ritter lachte donnernd. "Aber nein, nicht die Dame! Es sind die Fürsten, die mir den Auftrag überbringen lassen und die Goldstücke überreichen. Es sollen aber auch die Könige meine Dienste schätzen und ihre Damen durch mich retten lassen."

"Dann hätten wir also eure Zielgruppe, verehrter Ritter. Die Dame in Not mag das Ziel eurer Arbeit sein, doch das Ziel eures Marketings sind die Fürsten und Könige. Als Nächstes sagt mir: Habt ihr ein Zeichen?"

Der Ritter klopfte mit den Fingern auf das Metall vor seiner Brust und rief: "Aber ja! Seht her, auf meine Rüstung, dort ist mein Zeichen eingraviert: Ein Schwert, durch den getöteten Drachen gebohrt."

Die Alte besah sich das Zeichen und sagte: "Ich werde einen Grafiker besolden, damit er es zu einem Logo macht und das passende Webdesign erarbeitet. Nun sagt mir: Habt ihr einen Werbespruch?"

"Aber ja: Ritter Kunibert, stets zu euren Diensten!"

"Verehrter Ritter Kunibert, ich wage nicht eure Dienstbereitschaft in Frage zu stellen, doch gibt es im Land hunderte Ritter, die das Gleiche tönen. So erhaltet ihr nicht das Gehör eines Königs. Ich werde für euch etwas Größeres finden."


Und so saßen die Alte und der Ritter Stund um Stund. Die Alte fragte viel und der Ritter lernte bis zum Morgengrauen des zweiten Tages, dass eine Website so einfach nicht war, wenn man sie strahlend wollte. Er gab der Alten alle Informationen, die sie erfragte, bis sie sagte: "Jetzt weiß ich alles. Lasst mich nun allein, mein Teil der Arbeit steht bevor."


Die alte Schreiberin arbeite Tag und Nacht, sinnierte und schrieb, schuf ein einmaliges Konzept zusammen, besoldete einen Grafiker, einen Webdesigner und einen Programmierer, und ein halbes Jahr später erstrahlte im Land eine neue Website, die so hell leuchtete, dass sie weit übers Tal und mehrere Berge schien und die Aufmerksamkeit vieler Könige erregte. Und immer, wenn der Ritter von einem Auftrag zurückkehrte, so ritt er auch zur alten Schreiberin und sie schuf eine Geschichte, die sie als Referenz auf die Startseite stellte, denn das war der Tribut, den sie mit den Hütern aller Suchmaschinen ausgehandelt hatte.


Und wenn der Ritter nicht gestorben ist, so rettet er noch heute Damen aus der Not und verdient hundertmal so viele Goldstücke als zu der Zeit, als er noch keine Website hatte.


Und die Moral von der Geschicht? Ritter, unterschätzt Eure Webseite nicht!

 

 

© 2010 Ilka Lohstroh | München http://www.strategische-textwerkstatt.de

 

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